Das erste Riff entstand in Kolumbien: Auf der Karibikinsel San Andrés versenkten Taucherinnen und Taucher 228 Module, die in der Schweiz aus Ton 3D-gedruckt wurden. Vier Jahre später ist das künstliche Riff ein voller Erfolg – trotz schwieriger Umweltbedingungen haben sich Fische und Korallen angesiedelt. Die Fischartenvielfalt nähert sich rasch dem Niveau natürlicher Riffe an.
Doch Rrreefs will mehr: «Unser Ziel ist es nicht, ein paar Pilotprojekte zu haben», sagt Josephine Graf, eine der vier Gründerinnen des ETH-Spin-offs. «Wir wollen einen messbaren Unterschied bei der Rettung der Korallenriffe machen.»
Inzwischen hat das Start-up Riffe in fünf Ländern installiert. «Das Korallensterben geht schnell voran», sagt Graf. «Also müssen auch wir schnell sein.»
Korallenriffe: Regenwälder der Ozeane
Korallenriffe spielen eine zentrale Rolle für die Biodiversität der Meere. Sie werden oft als «Regenwälder der Ozeane» bezeichnet – jede vierte bekannte Meeresart lebt in einem Riff, insgesamt schätzungsweise rund eine Million Arten, darunter Fische, Weichtiere, Krustentiere und Algen.
Doch wie die tropischen Regenwälder sind auch die Korallenriffe massiv bedroht. Der Klimawandel, Überfischung und Meeresverschmutzung setzen ihnen stark zu. Der Weltklimarat geht davon aus, dass selbst bei Einhaltung des 1,5-Grad-Ziels des Pariser Klimaabkommens bis zu 90 Prozent aller Riffe sterben könnten.
Von Zürich in die Welt
Dem stellt sich Rrreefs entgegen. Die Basis für das Start-up wurde in Zürich gelegt: Die ETH-Ozeanographin Ulrike Pfreundt und die Künstlerin Marie Griesmar erfuhren über Umwege voneinander – beide teilten das Interesse an Korallenriffen. Aus dem geteilten Interesse entstand ein Projekt, das Wissenschaft und Kunst verbindet.
Die künstlichen Riffe von Rrreefs bestehen aus 3D-gedruckten Modulen aus Ton – ein nachhaltiges Material. Das Design der Module bietet dank zahlreicher Nischen vielfältigen Lebensraum und ist zugleich ästhetisch ansprechend. «Natürliche Korallenriffe sind etwas Schönes, also sollen es auch unsere Systeme sein», sagt Josephine Graf.
Auf Partnerunternehmen angewiesen
Spätestens als das Projekt Rrreefs Anfang 2024 zur Firma wurde, rückten neben der Wissenschaft und der Kunst auch wirtschaftliche Überlegungen in den Fokus. Rrreefs soll nicht nur ökologisch sinnvoll, sondern auch wirtschaftlich tragfähig sein. Auch das ist ambitioniert, denn das «Leben unter Wasser» ist das am schlechtesten finanzierte UN-Nachhaltigkeitsziel.
«Wir bieten Riffgenerierung als Service an», sagt Josephine Graf. «Das ist vergleichbar mit dem Pflanzen eines Waldes, nur eben unter Wasser.» Das ansprechende Design der Tonmodule trägt dazu bei, dass dieses Modell funktionieren kann: Die Riffe werden zu Attraktionen für Taucherinnen und Taucher, begeistern Besucherinnen und Besucher etwa auf der Expo in Japan, und auch die Partnerunternehmen präsentieren sie gerne.
Regelmässige wissenschaftliche Monitorings stellen sicher, dass die künstlichen Korallenriffe von Rrreefs ihrem Hauptzweck treu bleiben. Das jüngste Monitoring aus den Philippinen zeigt: Innerhalb eines Jahres haben sich im künstlichen Riff in Pujada Bay rund 4000 Korallen und 100 Fischarten angesiedelt.
Produktion auf den Philippinen
Um Korallenriffe weltweit im grossen Stil zu regenerieren, ist Rrreefs auf lokale Partner angewiesen. «Die Zusammenarbeit mit Menschen vor Ort ist entscheidend, damit das Projekt auch ohne uns weiterlaufen kann», sagt Josephine Graf. Sie wissen, wo Riffe installiert werden können, kennen die lokalen Meeresbedingungen – und fördern die Akzeptanz in der Bevölkerung.
Bisher werden die Module in der Schweiz produziert und nach Kolumbien, Ecuador oder auf die Philippinen verschifft. «Langfristig wollen wir die Riffe jedoch so lokal wie möglich produzieren, installieren und überwachen», sagt Graf. Derzeit entsteht eine erste Produktionsstätte auf den Philippinen.
Ein Riff adoptieren
Rrreefs installiert seine künstlichen Riffe dort, wo natürliche Riffe zerstört wurden oder akut gefährdet sind – vorausgesetzt, es gibt Interesse lokaler Partnerorganisationen und Anknüpfungspunkte zu den Behörden. «Indonesien, Mexiko, Fidschi: An potenziellen Projekten mangelt es nicht», sagt Graf. «Uns fehlen nur noch die Partnerunternehmen, die sie finanzieren.»
Auch Einzelpersonen können zur Rettung der Riffe beitragen: Für 150 Franken lässt sich ein Modul innerhalb eines 100 Quadratmeter grossen Riffs auf den Philippinen adoptieren.
