Carbon Capture gilt als eine der grossen Hoffnungen im Kampf gegen den Klimawandel – und Schweizer Unternehmen waren von Anfang an ganz vorne mit dabei.
2017 baute Climeworks in Hinwil die weltweit erste kommerzielle Anlage, die CO₂ aus der Luft filtert. Anschliessend konzentrierte sich das ETH-Spin-off auf immer grössere Anlagen in Island, mit denen es zum globalen Marktführer wurde.
Im Kampf gegen den Klimawandel
Anlässlich der Eröffnung der neusten und grössten Anlage namens Mammoth verkündete der Co-CEO und Mitgründer Jan Wurzbacher, bis 2050 eine Gigatonne CO₂ aus der Luft filtern zu wollen. Das gesammelte CO₂ soll einerseits gespeichert und andererseits wiederverwendet werden, zum Beispiel für synthetische Kraftstoffe.
Experten sehen im Carbon Capturing eine wichtige Technologie im Kampf gegen den Klimawandel. Mit ihr soll die Zeit überbrückt werden, bis kohlenstoffarme Technologien breitenwirksam einsatzbereit sind: «CO₂-Neutralität erfordert den schnellen Einsatz von CO₂-Abscheidung», heisst es unter anderem seitens der Vereinten Nationen.
Rückschläge bei Climeworks
Doch 2025 folgte bei Climeworks ein Rückschlag auf den anderen. Im Mai kündigte das Management an, rund 20 Prozent der Mitarbeitenden entlassen zu müssen. Es gab an, dass die ganze Branche mit finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen habe. Tatsächlich kündigten zwei weitere Carbon-Capture-Start-ups, Heirloom und Pachama, zur selben Zeit ebenfalls Entlassungen an.
Nur eine Woche zuvor berichteten isländische Journalisten zudem, dass Climeworks in Island deutlich weniger CO₂ aus der Luft filtert, als es angekündigt hatte. Es soll sogar weniger sein, als der Betrieb der Anlagen produziert.
Alles bloss ein Hype?
Wie kommt es, dass einer der Stars unter den Klima-Start-ups plötzlich ins Straucheln kommt? Mark Preston Aragonès von der Umweltorganisation Bellona sagt: «Die Fehler würde ich dem Hype und einem mangelnden Erwartungsmanagement zuschreiben.»
Die Technologie sei teuer und noch in den Kinderschuhen. Climeworks habe, angefeuert vom globalen Publikum und von globalen Marken, grosse Ankündigungen gemacht, die nur schwer einzuhalten sind. Tatsächlich ist Climeworks erst kurz vor diesen Rückschlägen Partnerschaften mit TikTok, British Airways und weiteren globalen Playern eingegangen.
Schwierige Bedingungen
Climeworks entgegnet, man sei weiterhin auf Kurs: «Climeworks wird seine Kerntechnologie weiterhin auf die nächste Stufe bringen und sein kommerzielles Angebot weiter diversifizieren, um seine Marktwirkung zu vergrössern und seine Position als unangefochtener Marktführer im Bereich CO₂-Entfernung zu festigen.»
Jan Wurzbacher, der Co-CEO, ergänzte gegenüber der «New York Times»: «Wir stehen erst am Anfang, und es hat länger gedauert, als wir gedacht haben.»
Ein geplantes Grossprojekt in den USA, das noch unter der demokratischen Regierung Joe Bidens beschlossen wurde, steht inzwischen auf der Kippe. Die aktuelle US-Regierung unter Donald Trump steht erneuerbaren Energien skeptisch gegenüber und streicht entsprechende Verträge und Förderprogramme.
Zweiter Player in der Schweiz
Mit Neustark hat sich auch ein anderes Schweizer Start-up der Entfernung von CO₂ verschrieben – nicht aus der Luft, sondern zum Beispiel direkt aus Industrieabgasen. Diese werden in Abbruchbeton mineralisiert. Das so angereicherte Granulat entstehen neue Baumaterialien. Bis 2030 möchte das Schweizer Unternehmen insgesamt eine Million Tonnen CO₂ dauerhaft entfernen.
Steht auch Neustark vor Problemen? Eine Anfrage von 20 Minuten blieb unbeantwortet. Doch während Climeworks mit über einer Milliarde US-Dollar gefördert wurde und auf einzelne Megaanlagen angewiesen ist, ist Neustark mit einem Kapital von 69 Millionen US-Dollar noch deutlich kleiner und setzt auf kleinere Anlagen. Hinzu kommt: Es ist deutlich günstiger, CO₂ aus Mineralien abzuleiten als aus der Luft.
Blick in die Zukunft
Climeworks geht aktuell davon aus, dass es seine Anlage in den USA bauen kann. Doch hält Jan Wurzbacher in der «New York Times» auch fest: «Beim Blick auf die Welt um uns herum haben wir beschlossen, dass wir uns ein wenig konsolidieren müssen.» Das Unternehmen macht einen Schritt zurück, um bereit zu sein, den nächsten Schritt nach vorne zu gehen.
