Mehr als die Hälfte der Schweizer Wohnbevölkerung ab 15 Jahren nutzt gemäss einer vom Verband Schweizer Wanderwege im Auftrag des Bundesamts für Strassen (Astra) durchgeführten Befragung die signalisierten Wanderwege in der Schweiz regelmässig.
Olivia Grimm, Bereichsleiterin Wanderwege und Beraterin der Kantone Bern, Zürich, Thurgau und Jura beim Verband Schweizer Wanderwege, gewährt Einblicke in ihre Arbeit und zeigt, wie sich die Umweltbelastung beim Wandern minimieren lässt.
Was ist Ihre Rolle beim Verband Schweizer Wanderwege? Welche Arbeiten stehen jetzt vor dem Start der Wandersaison an?
Zusammen mit meinem Team koordiniere ich Wanderweginfrastruktur auf nationaler Ebene. Dabei bin ich selbst nur selten mit Schaufel und Pickel unterwegs. Vielmehr unterstütze ich die Kantone bei der Erfüllung ihres Leistungsauftrags und berate sie in allen Fragen rund um die Wanderweginfrastruktur. Sobald der Schnee geschmolzen ist, beginnen die Verantwortlichen in den Kantonen mit der Kontrolle der Wanderwege. Sie stellen beispielsweise sicher, dass keine umgefallenen Bäume die Wege blockieren, die Signalisation eindeutig ist und Hilfsinfrastrukturen wie Seile, Leitern und Tritte korrekt montiert sind.
Wie muss man sich die Beratung der Kantone vorstellen? Um welche Themen und Fragen geht es dabei typischerweise?
Wir stellen den Kantonen Expertise zu sämtlichen infrastrukturrelevanten Themen zur Verfügung. Dazu gehören unter anderem Lösungsoptionen für die Vereinbarkeit von Wandern und Biken, der Umgang mit Herdenschutzhunden oder Mutterkühen in Wandergebieten und die richtige Kategorisierung von Wanderwegen. Darüber hinaus organisieren wir Fachtagungen und Kurse und stellen den Kantonen Handbücher sowie Praxisanleitungen zur Verfügung.
Vor welchen Herausforderungen stehen die Wanderwege in der Schweiz derzeit?
Ein Thema, das uns beschäftigt, ist der Klimawandel. Starkwetterereignisse nehmen zu, was häufigere und grössere Schäden an der Wanderinfrastruktur und entsprechend mehr Aufwand und höhere Kosten bedeutet. In heissen Sommern konzentriert sich das Besucheraufkommen auf Wandergebiete, die Abkühlung versprechen. So entstehen Hotspots, die Natur und Infrastruktur übermässig belasten können.
Wir beobachten auch, dass die Menschen tendenziell weniger Eigenverantwortung übernehmen wollen. Doch Wanderwege sind kein Freizeitpark, und wer unterwegs ist, sollte sich im Voraus über die technischen und konditionellen Anforderungen informieren. Zu diesem Thema führen wir regelmässig Sensibilisierungsmassnahmen durch. Eine zusätzliche Herausforderung ist unsere Finanzierung: Der Dachverband Schweizer Wanderwege wird zu rund 70 Prozent von Spenden und Gönnerbeiträgen getragen und ist daher stark von der Wirtschaftslage abhängig. Letzten Endes wirkt sich dies auf unsere Aktivitäten und die Kampagnen aus, die wir umsetzen können.
Wie können Wandernde ihrem Hobby möglichst umweltfreundlich nachgehen?
Beim Wandern ist die An- und Rückreise mit dem Privatauto der belastendste Faktor für die Umwelt. Darum promoten wir vor allem Wanderungen, deren Start- und Endpunkte an den öffentlichen Verkehr angeschlossen sind. Am wenigsten belastet man übrigens die Umwelt, indem man sich ausschliesslich durch eigene Muskelkraft fortbewegt. In der Schweiz haben wir ein sehr dichtes Netz mit über 65’000 Kilometer Wanderwegen, und der nächste ist selten weit entfernt. Man muss für schöne Wanderungen also nicht immer durch das halbe Land fahren und kann auch mal vor der Haustür loswandern. Weiter gilt: auf markierten Wegen bleiben, Hunde – wo dazu angehalten – an die Leine nehmen, kein Feuer auf Naturböden machen und seinen Abfall wieder mitnehmen. Was manchmal vergessen geht, ist, dass auch die Wanderausrüstung und die Verpflegung mitentscheiden, wie nachhaltig Wandern ist.
Apropos Abfall: Wieso darf man Apfelgehäuse oder Nektarinensteine eigentlich nicht in der Natur entsorgen?
Auch organische Abfälle gelten als Littering. Vor allem Überreste von exotischen Früchten wie Bananen verrotten in unseren klimatischen Bedingungen nur langsam. Nicht wenige Früchte werden ausserdem mit Pestiziden behandelt, die den Boden belasten können. Ein weiteres Problem ist, dass sich Wildtiere daran gewöhnen, entlang von Wanderwegen Nahrung zu finden. Das kann zu einem unnatürlichen Fressverhalten führen und die Scheu vor Menschen verringern. Nicht zuletzt finde ich, achtlos weggeworfene Essensreste beeinträchtigen das Naturerlebnis für andere Wandernde.
Und was macht man, wenn unterwegs die Natur ruft und man ein kleines oder grosses Geschäft verrichten muss?
Am besten plant man den Toilettengang so, dass man unterwegs gar nicht erst muss und bereits vorhandene Infrastrukturen wie etwa bei Bergbahnstationen oder Restaurants nutzt. Lässt es sich dennoch nicht vermeiden, muss man mindestens 50 Meter Abstand zum nächsten Gewässer einhalten, damit keine Rückstände wie Medikamente oder Hormone ins Wasser gelangen. Grosse Geschäfte sollte man vergraben und mit Blättern oder etwas Erde zudecken. Benutztes Toilettenpapier oder Taschentücher sind wieder mitzunehmen.
Outdoorausrüstung ist oft technisch ausgereift und langlebig – aber auch ressourcenintensiv. Worauf sollte man beim Kauf aus Nachhaltigkeitssicht achten?
Man sollte sich fragen, wie ein Produkt hergestellt wurde – beispielsweise, welche Rohstoffe darin stecken und unter welchen Bedingungen sie gewonnen wurden. Heute stehen dafür zunehmend verlässliche Informationen zur Verfügung. Labels wie das Bluesign-Siegel für Textilien oder Zertifikate für Daunen und Wolle können dabei helfen, die Wertschöpfungskette besser nachzuvollziehen und nachhaltigere Entscheidungen zu treffen.
Ist es denn nachhaltiger, wenige und dafür aufwendig produzierte Produkte zu besitzen oder eher einfache Ausrüstung häufiger zu ersetzen?
Grundsätzlich gilt: Weniger Konsum ist umweltfreundlicher. Darum sollte man auf langlebige Produkte setzen und diese richtig pflegen. Gute Wanderkleidung kann heute häufig gewaschen werden, ohne dass die Imprägnation an Wirkung verliert. Kleinere Schäden lassen sich oft selbst reparieren und flicken. Zudem gibt es zahlreiche Secondhandangebote und Reparaturdienste für Wanderausrüstung, die dazu beitragen, Produkte möglichst lange zu nutzen.