Heutzutage einen Gletscher zu besuchen, ist emotional gesehen eine komplexe Angelegenheit. Einerseits ist da dieses kindliche Staunen. Die Bewunderung für diesen Ort, der sich grösser anfühlt als das eigene menschliche Leben. Der Respekt, den die Eismassen unweigerlich in einem hervorrufen. Andererseits sind da so viele Fragen: War der Morteratschgletscher nicht grösser bei meinem letzten Besuch vor sieben oder acht Jahren? Was machen all die Schneekanonen hier? Und werde ich irgendwelchen Enkeln irgendwann von Gletschern berichten, von ihrer Schönheit, von ihrer Ausstrahlung, von ihrer schieren Grossartigkeit, als wären sie ausgestorbene Tiere?
Wie schreibt man über Gletscher und ihren Schwund, ohne in Pathos zu verfallen? Vielleicht mit Fakten. Seit Beginn des letzten Jahrhunderts hat sich der Engadiner Morteratschgletscher um zwei Kilometer zurückgezogen. Geht es so weiter mit der Erderwärmung, wird das Engadin bis Ende des Jahrhunderts so gut wie eisfrei sein. Und das ist bei weitem nicht nur ein ästhetisches Problem. Was genau die Herausforderungen und Schwierigkeiten sind, wenn die Gletscher verschwinden, das kann man hautnah und sehr eindrücklich auf dem «Glacier Experience Trail» erleben.
Auf den Spuren des Gletscherschwunds
Die Gondel drückt sich durch den Nebel. Eine niederländische Wandergruppe wird noch einmal daran erinnert, die Wege auf keinen Fall zu verlassen. Oben angekommen, scheint die Sonne auf die Gletscher und die Terrasse des Berghauses Diavolezza, von wo aus die Gletscher-Erlebnis-Wanderung startet. Wir befinden uns auf 2978 Meter über dem Meeresspiegel.
Der rund zweistündige Trail am Morteratsch- und Persgletscher führt an fünf verschiedenen Stationen vorbei, an denen der Wandel erklärt wird, der sich vor den eigenen Augen abspielt. Zum Beispiel, was es mit dem Permafrost auf sich hat. Oder dass die Gletscher – in der Schweiz, aber auch in vielen anderen Ländern der Welt – zu den wichtigsten Süsswasserquellen gehören. Schmelzen die Gletscher ab, kann das in Zukunft zu Engpässen in der Wasserversorgung führen.
Bei der fünften Station wird auch klar, welche Funktion die Schneekanonen haben: eine verzögernde. Mithilfe des künstlichen Schnees soll der massive Gletscherschwund zwar nicht aufgehalten, aber wenigstens aufgeschoben werden. Das Projekt MortAlive will als Pilotprojekt versuchen, den Morteratschgletscher über den Sommer hinweg zu beschneien, um sein Verschwinden um bis zu 50 Jahre hinauszuzögern. In einer Broschüre wird der Bündner Glaziologe Felix Keller wie folgt zitiert: An einem Hitzetag im Sommer verliere der Morteratschgletscher bis zu einer Million Tonnen Eis. Schnee sei der beste Eisschutz, denn unter dem Schnee schmelze «kein Milligramm Eis». Das Projekt beim Morteratschgletscher soll Pionierarbeit leisten und dessen Erkenntnisse und Systeme schliesslich auch anderen Gletschern im Alpenraum zugutekommen.
Gletscherwissen in der Virtual Reality
Zurück auf der Talstation wagt man in der «VR Glacier Experience» einen Blick in die Zukunft und in die Vergangenheit des Morteratschgletschers. Kaum ist die VR-Brille aufgesetzt, erscheinen die zwei Bündner Andri und Ladina vor einem. Auf niederschwellige Weise erklären sie Zusammenhänge, Szenarien und Geschichten, die mit den Gletschern zu tun haben.
Beim nächsten Besuch wird der Gletscher ein anderer sein, so viel ist klar. Die Komplexität der Emotionen hat sich auch nach dem Trail oder der VR-Experience nicht gelöst. Im Gegenteil. Es sind ein paar neue dazugekommen. Neben neuem Wissen, das hängen bleiben wird, weil es mit der Realität verknüpft ist – und davon kann man nie genug bekommen.
