Alles begann 2015 in einer Zürcher Küche: Ein paar Freunde taten sich zusammen, um Bier zu brauen. Heute hat die Brauerei Oerlikon 500 Aktionäre, bietet 20 verschiedene Biere an und veranstaltet Konzerte in der hauseigenen Bar. Der Anspruch der Kleinbrauerei: den Schweizer Gaumen mit innovativen Bieren zu überraschen und dabei mit Mehrwegglas und Depotsystem Ressourcen zu schonen. Trotz des Wachstums versichert Geschäftsführer Jannis Morgenthaler: «Es bleibt familiär.» Die meisten Aktionäre kämen aus der Nachbarschaft.
Im Sortiment der Brauerei finden sich klassische Biere wie Pale Ale, Pilsener oder Kölsch – und überraschende Zutaten wie Austern, Ingwer oder Brot vom Vortag. Letzteres ist eine Kooperation mit der Äss-Bar, die unter dem Motto «frisch von gestern» Backwaren vom Vortag verkauft. Was in der Anti-Food-Waste-Bäckerei nicht verkauft wird, landet unter anderem in der Brauerei Oerlikon. «Das hat Tradition», erklärt Morgenthaler. «Früher wurde Bier aus vergorenem Brot hergestellt.»
Vom Finance-Studium zur Brauerei
Dass Jannis Morgenthaler heute Geschäftsführer einer Zürcher Kleinbrauerei ist, verdankt er mehreren Zufällen: Der 26-Jährige hat an der Universität Zürich Banking und Finance studiert: «Dort lernt man, dass Wachstum im kapitalistischen Sinne das Beste ist», erinnert er sich. «Es wird kaum betont, dass Finanzen auch genutzt werden können, um die Welt positiv zu gestalten.»
Dieser Ansatz entsprach Morgenthaler nicht. «Die Urlaubssemester summierten sich», sagt er schmunzelnd. Den Bachelor hatte er noch abgeschlossen, den Master brach er vorzeitig ab. Er wollte nicht im Grossen Geld vermehren, sondern im Kleinen etwas Sinnvolles tun. Nach einem Praktikum bei einem Start-up, das gegen Food Waste kämpft, stieg er bei der Brauerei ein, die sich im selben Gebäude befindet. Inzwischen hat die Universität Zürich ein Nebenfach zu nachhaltigen Finanzen eingeführt.
Bier aus Austernschalen
Morgenthalers Brauerei hat den Anspruch, jeden Monat ein neues Bier auf den Markt zu bringen. Dementsprechend hat alles, was dem Team in die Hände fällt, das Potenzial, zu einem Getränk zu werden: Als am Zürich Openair einige Paletten Limetten übrig blieben, machten die Brauer daraus ein Bier: Leftover Limes. Als nach einer Party Austernschalen übrig blieben, wurde daraus ein Bier: Shell Yeah. Morgenthaler erklärt: «Schalen bestehen hauptsächlich aus Kalziumkarbonat – ein Stoff, den ein dunkles Bier sowieso braucht.» Und auch die Reste des grössten Ingwerproduzenten der Schweiz landen für ein Ingwer-Lager in Oerlikon. «Diese Kooperation wird sich bald ausweiten», sagt Morgenthaler. «Wir werden ein richtiges Ingwerbier auf den Markt bringen.»
Die Brauerei ist ein lokal verankertes Unternehmen. Lebt das auch der Geschäftsführer? «Ich liebe es, auf den Markt oder in die Quartierläden zu gehen», sagt Jannis Morgenthaler. Aber er muss auch eingestehen: «Leider habe ich oft zu wenig Zeit dafür und lande bei den Grossverteilern.»
Kleine Schritte in die richtige Richtung
Man muss nicht perfekt sein, um einen Schritt in die richtige Richtung zu machen. Die Geschichte der Brauerei Oerlikon zeigt, dass auch im Kleinen etwas bewegt werden kann. Bald wird die Brauerei in ein grösseres Gebäude umziehen. Was dabei neben der städtischen Lage eine wichtige Rolle spielt? «Wir suchen einen Standort mit besserer Energieeffizienz», sagt Morgenthaler. Im Zürcher Gewerbehaus Oerlikerhus wurden Morgenthaler und sein Team fündig.
