Nicole Haiderer, Sie sind Mitglied von Psychologists for Future Schweiz. Was kann die Psychologie beitragen, wenn es um Klimaschutz geht?
Der Verein fokussiert sich mit verschiedenen Angeboten darauf, Menschen zu unterstützen bei Herausforderungen rund um die Klima- und Biodiversitätskrise. Klimaangst ist eine berechtigte Angst. Eine adäquate Reaktion auf einen bedrohlichen Zustand. Unsere Klimacafés schaffen einen Raum, in dem Menschen ganzheitlich mit ihren Gefühlen und Erfahrungen Platz haben und sich austauschen können. Wir haben Klimacafés in Zürich und in Bern. Diese werden von Psychologinnen geleitet. Die Klimacafés kommen recht gut an. Menschen, die nicht wussten, dass ich im Verein tätig bin, haben sie mir schon weiterempfohlen. Was wir auch anbieten, sind Erstgespräche für Privatpersonen, die wir dann an klimasensitive Psychotherapeuten und Psychotherapeutinnen in unserem Netzwerk weitervermitteln.
Sie selbst sind nicht Therapeutin, sondern als Umwelt- und Wirtschaftspsychologin tätig. Wie kamen Sie zur Umweltpsychologie?
Ich hatte ursprünglich Organisationspsychologie im Fokus, aber während des Studiums wurde mir bewusst, wie gross das Feld ist: Sozialpsychologie, Arbeitspsychologie und eben auch Umweltpsychologie. Als ich dann die ersten Arbeiten dazu schreiben konnte, wurde mir bewusst, dass es genau das ist, was mich interessiert: Wie kann man Menschen dazu motivieren, sich nachhaltig zu verhalten? Psychologie ist das fehlende Puzzlestück in den Nachhaltigkeitsbestrebungen, die nötig sind.
Wie meinen Sie das mit dem Puzzlestück?
Der Mensch ist halt das wichtigste Bindeglied, dass überhaupt was passiert. Man kann noch so tolle Innovationen haben, aber wenn der Mensch sie nicht nutzt, sich das menschliche Verhalten nicht verändert, wird es nicht funktionieren. Deswegen ist es wichtig, psychologische Aspekte als ein Stück des Puzzles zu berücksichtigen. Ich sage nicht, dass Psychologie die Lösung für alles ist, aber sie macht Nachhaltigkeitsbestrebungen effektiver.
Welche Rolle kann die Umweltpsychologie denn spielen, wenn wir über Klimaschutz sprechen?
Ich sehe da zwei Bereiche. Einerseits: Wie sprechen wir über die Klimakrise? Hier ist es wichtig, dass wir nicht nur Informationen vermitteln, sondern auch die Realitäten der Menschen einschliessen, in ihrer Sprache sprechen und ihnen auch Lösungsmöglichkeiten bieten. Dass wir eben nicht mit der Moralkeule kommen.
Gerade wenn es ums Klima geht, wird jedoch auch oft mit Angst gespielt.
Da würde ich sehr gut aufpassen. Eine Emotion ist ein Hinweis darauf, dass ein Reiz da ist. Emotionen wie beispielsweise Angst dienen dazu, die Aufmerksamkeit auf diesen Reiz zu lenken und diesen Reiz zu bewerten. Wenn man also positive Emotionen mit einem bestimmten Reiz verbindet, wird man sich eher annähern. Bei einer negativen Emotion wird man sich zurückziehen. Menschen reagieren unterschiedlich auf die Klimakrise. Sie flüchten oder kämpfen. Oder sie gehen in Aktion und ändern etwas. Menschen handeln aber nur, wenn sie wissen, was sie tun sollen. Deswegen ist es so wichtig, Lösungen zu präsentieren. Jede Kommunikation zu Umweltthemen braucht Handlungsoptionen.
Was passiert, wenn es keine Handlungsoptionen gibt?
Wenn man nicht weiss, wie man ins Handeln kommt, dann versucht der Mensch, die negative Emotion zu regulieren. Dann hört man Dinge wie: «Es ist nicht so schlimm», «die Technologie wirds lösen». Deshalb würde ich sagen: Problemwissen ist schon auch wichtig, aber immer verbunden mit einer Lösung und einem Ziel. Wenn ich kein Ziel habe, weiss ich nicht, wie ich dorthin komme.
Beim Klima kommt ja dazu, dass wir als Privatpersonen nicht auf alles einen Einfluss haben.
Das stimmt. Das individuelle Verhalten muss sich ändern, aber es muss sich auch das System, in dem wir leben, ändern. Dennoch denke ich, ein wichtiger Schritt ist, mit unserem Umfeld über das Thema zu sprechen. Nicht im Stil von «du sollst jetzt X und Y machen», sondern einfach mal fragen: «Wie geht es dir eigentlich mit der Klimakrise?» Wenn wir diese Gespräche führen, dann merken wir, dass wir nicht allein sind mit unseren Sorgen. Und dass die meisten Menschen für Klimaschutz sind.
Welche Rolle spielt die Umweltpsychologie noch?
Ein weiterer Bereich sind Verhaltensveränderungsmassnahmen, sogenannte Behavior Change Interventions. Das klingt ganz fancy, aber grundsätzlich geht es darum, dass man Strukturen schafft, in denen der Mensch sich leichter nachhaltig verhalten kann.
Können Sie ein Beispiel machen?
Nehmen wir an, Sie betreten ein Gebäude. Sie können den Lift oder die Treppe nehmen. Beim Eintreten sehen Sie Spuren, die zu den Treppen führen. Das kann Sie dazu bringen, die Treppen zu nehmen, was Ihnen guttut und zudem Strom spart. Das sind einfache Möglichkeiten, mit denen wir Menschen unterstützen können, sich nachhaltiger zu verhalten. In der Psychologie nennen wir das «nudging».
Kann man sich auch selbst zu nachhaltigerem Verhalten «nudgen»?
Das können einfache Dinge sein, wie sich für den Folgetag das Velo bereitzustellen. Einen grossen Hebel haben natürlich Firmen und öffentliche Einrichtungen: Etwa, indem sie im Personalrestaurant das vegane oder vegetarische Gericht attraktiv machen und das auch noch preislich günstiger ist. Man erleichtert also die Möglichkeit von nachhaltigem Verhalten und erschwert nicht nachhaltiges Verhalten.
Wieso entscheiden sich Menschen denn nicht von selbst für die nachhaltige Lösung, obwohl sie es eigentlich besser wissen?
Gewohnheiten sind sehr schwer zu verändern. Der innere Schweinehund, das sind eigentlich unsere Gewohnheiten. Da muss man mit ganz vielen Mitteln dagegen ankämpfen, das kostet Energie. Aber wenn man es schafft, die Dinge so einzurichten, dass man sie automatisch anders macht, dann hilft das sehr. Deshalb ist es so wichtig, gewünschte Verhaltensänderungen und die Psychologie dahinter zu berücksichtigen, auf jeder Ebene.