Das Gebäude in Frauenfeld, das als Tierkörpersammelstelle dient, ist kein offensichtlicher Ort für einen Energiedurchbruch. Und doch steht dort seit Herbst 2024 eine Anlage, die das Bundesamt für Energie als «einzigartige Energieinnovation» bezeichnet hat. Season heisst das System dahinter. Es löst ein Problem, das mit der Energiewende immer drängender wird: Im Sommer produzieren Photovoltaikanlagen auf Schweizer Dächern weit mehr Strom als benötigt. Im Winter, wenn die Heizung läuft und die Sonne wenig scheint, fehlt genau diese Energie.
Raphael Baumann, Mitgründer von Season Energy AG und ausgebildeter Maschinenbauingenieur, beschreibt das, was sein Unternehmen entwickelt hat, bewusst schlicht: «Season ist ein Langzeitspeicher für Wärme.»
Natronlauge als Energieträger
Das Verfahren basiert auf einem thermochemischen Absorptionsprozess mit Natronlauge und Wasser als Arbeitsmedium. Im Sommer wird der Natronlauge mit überschüssiger Energie Wasser entzogen: Sie wird konzentriert, gleichsam aufgeladen. Die konzentrierte Lösung und das abgetrennte Wasser lagern anschliessend getrennt bei Raumtemperatur. Im geschlossenen System entstehen dabei keine Verluste, das Energiepotenzial bleibt über Monate erhalten. Im Winter läuft der Prozess rückwärts: Wenn die Natronlauge wieder Wasser aufnimmt, kann sie Wärme auf ein nutzbares Niveau heben. Die Anlage wirkt dabei wie eine Wärmepumpe, die ohne elektrischen Kompressor auskommt und laut Bundesamt für Energie «fast ohne zusätzliche elektrische Energie» heizt.
Das chemische Grundprinzip ist in der Schweizer Forschung nicht neu: Im Rahmen von BFE-finanzierten Projekten wird das Konzept seit Jahren untersucht, unter anderem in enger Zusammenarbeit mit der Hochschule Luzern, auf deren Forschung Season aufbaut. Was das Unternehmen leistet, ist die Überführung dieser Technologieklasse in feldtaugliche Anlagen, mit allen praktischen Herausforderungen, die das mit sich bringt.
Zwei Anlagen, viele Erkenntnisse
Derzeit sind zwei Pilotanlagen in Betrieb. Die erste läuft seit Herbst 2024 an der kommunalen Tierkörpersammelstelle in Frauenfeld, mit der Stadt als Projektpartnerin und unterstützt durch die EKT Energiestiftung (Projektdauer laut Stiftung bis Ende 2027). Eine zweite Demonstration wurde für eine Zustellstelle der Schweizerischen Post in Kaltenbach im Thurgau realisiert, wo eine 1000 Quadratmeter grosse PV-Anlage mit dem Sorptionsspeicher kombiniert wird. Ziel sei eine CO2-Einsparung von 33 Tonnen pro Jahr, so Matica, das Mutterunternehmen.
