Das Verständnis für die Auswirkungen des eigenen Verhaltens auf die Umwelt entsteht bereits im Kindesalter. Wie Lehrkräfte, Eltern und andere Bezugspersonen Kinder und Jugendliche dabei unterstützen können, ein Bewusstsein für Nachhaltigkeit zu entwickeln, erklärt Irene Lampert, Dozentin und Forscherin an der Pädagogischen Hochschule Zürich.
Ab wann können Kinder komplexere Zusammenhänge wie Nachhaltigkeit oder Klimaschutz verstehen?
Bereits im Vorschulalter entwickeln viele Kinder ein recht differenziertes Verständnis für Natur und Lebewesen. Sie erkennen einfache Ursache-Wirkung-Zusammenhänge, und erste Ansätze systemischen Denkens lassen sich laut Studien schon zwischen vier und fünf Jahren beobachten. Ein deutlicher Sprung passiert um das siebte Lebensjahr. Das bedeutet aber nicht, dass man vorher nichts tun sollte – im Gegenteil. Im Kindergartenalter geht es um Naturerleben, Empathie für Lebewesen und erste Mitbestimmung im Alltag. Das sind die Wurzeln, auf denen später ein Verständnis für Klimazusammenhänge wachsen kann.
Wichtig ist auch: Selbst bei Jugendlichen halten sich wissenschaftlich nicht adäquate Vorstellungen, etwa die Verwechslung von Ozonloch und Treibhauseffekt, hartnäckig. Forschung aus dem deutschsprachigen Raum zeigt, dass solche Alltagsvorstellungen stabil sind und sich durch reine Wissensvermittlung kaum weiterentwickeln lassen.
Können Sie Beispiele nennen, welche Nachhaltigkeitsthemen für Primarschulkinder relevant sind?
Als Faustregel gilt: vom Nahen und direkt Erlebbaren hin zum Abstrakten. Im Kindergarten bis etwa zur zweiten Klasse stehen Themen im Zentrum, die Kinder konkret erfahren können. Dazu gehören beispielsweise das Wetter, Materialien, Abfall oder das Zusammenleben in der Gruppe. Ab der dritten Klasse rücken komplexere Zusammenhänge in den Fokus wie der Wasserkreislauf, Biodiversität und die Auswirkungen von Konsum oder Mobilität auf die Umwelt. Grundsätzlich lassen sich alle Nachhaltigkeitsthemen altersgerecht vermitteln – entscheidend ist der Komplexitätsgrad, nicht das Thema an sich.
Und wie sieht es bei älteren Kindern und Jugendlichen aus?
Oberstufenschülerinnen und -schüler können abstrakte Konzepte wie den Treibhauseffekt naturwissenschaftlich verstehen. Gleichzeitig bietet diese Schulstufe Raum, um Fragen der Klimagerechtigkeit und Klimapolitik zu diskutieren oder Lieferketten zu analysieren. Der Lehrplan 21 bildet viele dieser Themen bereits gut ab. Hilfreich finde ich auch die Aufbereitung der 17 Nachhaltigkeitsziele der Unesco für verschiedene Altersstufen.
Wie ehrlich sollte man mit Kindern im Primarschulalter über die Folgen des Klimawandels sprechen?
Die Forschung zeigt, dass Verschweigen Kinder nicht schützt, sondern ihnen eher schadet. Es geht nicht darum, ihnen das Thema aufzudrängen. Aber man sollte Fragen ernst nehmen und auf sie eingehen. Wichtig ist vor allem auch, Ängste nicht einfach abzutun. Was Kinder am meisten belastet, ist nicht die Wahrheit über den Klimawandel. Es ist die Diskrepanz zwischen dem, was sie spüren, und dem, was sie von Erwachsenen an Reaktion erleben oder eben nicht erleben. Klimasorge ist keine Störung, sondern eine nachvollziehbare Reaktion auf eine reale Bedrohung. Das bedeutet konkret: Ängste anerkennen, nicht verharmlosen – aber immer altersgerecht und verknüpft mit Handlungsmöglichkeiten. Reine Katastrophenszenarien ohne Perspektive wirken kontraproduktiv.
Wie kann man vermeiden, dass sich Kinder durch das Thema überfordert fühlen?
Der Schlüssel liegt in dem, was die Forschung «konstruktive Hoffnung» nennt. Es gibt dabei eine wichtige Unterscheidung. Hoffnung, die auf Verleugnung basiert und beispielsweise in Form von «es wird schon nicht so schlimm» geäussert wird, senkt nachweislich das Engagement. Konstruktive Hoffnung hingegen anerkennt die Realität und sucht aktiv nach Lösungen. Konkret heisst das, nicht bei Katastrophenszenarien stehen zu bleiben, sondern immer auch Handlungsmöglichkeiten aufzeigen. Kinder, die erleben, dass sie selbst etwas bewirken können – zum Beispiel im Schulgarten, bei einer Kleiderbörse oder in einem lokalen Naturprojekt –, entwickeln Selbstwirksamkeit statt Ohnmacht. Dazu kommen weitere Schutzfaktoren wie regelmässiger Naturkontakt, die soziale Einbettung in Gruppen, die gemeinsam handeln, und ein Umfeld, in dem Sorgen ausgesprochen werden dürfen.
Welche didaktischen Ansätze haben sich bewährt, um Kindern und Jugendlichen Nachhaltigkeit verständlich zu vermitteln?
Frontalunterricht über CO₂-Moleküle verändert weder Einstellungen noch Verhalten. Was wirkt, sind partizipative Lernformen, bei denen Kinder und Jugendliche selbst aktiv werden. Ein gemeinsam gepflegter Kräutergarten etwa macht Nachhaltigkeit konkret erfahrbar. Gute Ergebnisse zeigen auch lokal verankerte Projekte, die an die Lebenswelt der Kinder anknüpfen. Der Einbezug ausserschulischer Akteure wie Klimaforschende sowie Diskussionen im Unterricht fördern das Verständnis für unterschiedliche Perspektiven. Und nicht zuletzt sollten Lehrpersonen wissenschaftlich nicht adäquate Vorstellungen gezielt aufgreifen.
Wie kann diese Sensibilität langfristig gefördert und verankert werden?
Einzelne Projekte und engagierte Lehrpersonen reichen nicht. Studien zeigen, dass isolierte Nachhaltigkeitsaktivitäten wirkungslos bleiben, wenn sie nicht in der Schulorganisation verankert sind. Es braucht einen sogenannten «Whole School Approach». Nachhaltigkeit muss im Curriculum, im Schulbetrieb, in der Organisationskultur und in der Zusammenarbeit mit dem Umfeld gleichzeitig gelebt werden.
Zentral ist aber, was wir vorleben. Wenn im Unterricht über Nachhaltigkeit gesprochen wird, die Schule aber selbst gegenteilig handelt, wirkt das wenig glaubwürdig. Kinder und Jugendliche nehmen solche Widersprüche wahr. Und ein Schlüssel dafür ist die Schulleitung. In unserem Forschungsprojekt an der PH Zürich haben wir sieben Kompetenzkategorien herausgearbeitet, die eine nachhaltigkeitsorientierte Schulführung kennzeichnen – von gemeinsamer Visionsentwicklung über partizipative Strukturen bis zur Vernetzung nach aussen. Wenn Nachhaltigkeit ganzheitlich in der Schule gelebt wird, braucht es keine Sonderprojekte mehr.
Und was raten Sie Eltern und anderen Bezugspersonen, wenn sie mit Kindern im Schulalter über Nachhaltigkeit sprechen?
Auch hier ist zweitrangig, was man sagt – entscheidend ist, was man tut. Kinder kopieren ihre Eltern und andere Erwachsene. Besonders spannend ist aber der umgekehrte Effekt: Kinder verändern ihre Eltern. Eine Studie hat nachgewiesen, dass Klimabildung in der Schule die Klimasensibilität der Eltern signifikant erhöht. Wenn Kinder in der Schule über Nachhaltigkeit lernen und davon zu Hause erzählen, bewegt das die ganze Familie. Mein Rat an Eltern: selbst handeln, nicht nur reden. Das Kind braucht Raum, sein Wissen einzubringen und Sorgen anzusprechen. Man darf als Eltern auch die eigene Unsicherheit zulassen und kann gemeinsam lernen.
Was motiviert Kinder und Jugendliche Ihrer Erfahrung nach wirklich dazu, ihr Verhalten zu ändern?
Verhaltensänderungen entstehen aus dem Zusammenspiel von Motivation, Selbstwirksamkeit und sozialer Einbindung. Bewegungen wie Fridays for Future vereinen diese Faktoren und sind deshalb besonders wirksam. Gerade Jugendliche orientieren sich stark an ihrem Umfeld. Nicht selten reicht schon das Wissen, dass Vorbilder oder Gleichaltrige beispielsweise ihren Fleischkonsum reduzieren, damit sie selbst weniger Fleisch essen. Auch bei jüngeren Kindern gilt: Wer selbst etwas bewirkt hat, verändert sein Verhalten nachhaltiger als jemand, der nur darüber gehört hat.
Wie können Erwachsene auf Aussagen wie «Mein Verhalten macht ohnehin keinen Unterschied» sinnvoll reagieren?
Als erwachsene Bezugsperson sollte man zunächst nachfragen, woher diese Haltung kommt. Dahinter steckt oft mangelnde Selbstwirksamkeit, eine der häufigsten psychologischen Barrieren im Umgang mit Klimathemen. Statt vorschnell zu korrigieren, sollte man nachfragen: Was genau löst dieses Gefühl aus?
Ein in der Fachzeitschrift «Science» publiziertes Experiment hat gezeigt, dass soziale Konventionen kippen, wenn eine engagierte Minderheit 25 Prozent erreicht. Individuelles Handeln ist nicht ein Tropfen auf den heissen Stein, sondern ein Beitrag zu einer wachsenden Bewegung, die gesellschaftliche Veränderungen anstösst. Es genügt also, Teil dieser Minderheit zu sein, die mehr bewirkt als anfänglich gedacht. Man kann Kindern und Jugendlichen darum sagen: «Du allein rettest das Klima nicht, aber du bist Teil einer Gruppe, die es kann.»