Für Mathieu Schaer war früh klar: Er wollte Snowboard-Profi werden. Mit 15 Jahren erhielt er seinen ersten Sponsoringvertrag mit einer grossen Wintersportmarke. Es folgten nationale und internationale Wettbewerbe. Schaer wechselte zum Freeriden, weitere Sponsoren kamen hinzu, und mit Anfang 20 dann die Krönung: sein erster Film mit der internationalen Produktionsfirma Absinthe Films.
«Ich wurde zu einem grossen Namen im Snowboarding und konnte davon leben», erinnert sich der Genfer im Gespräch mit 20 Minuten. Doch was ihn am Freeriden wirklich begeisterte, war weniger die Aufmerksamkeit. «Im Terrain gibt es keine Regeln», sagt er. «Es ist pure Freiheit.»
Das Gesicht hinter der Wetterprognose
Inzwischen ist Schaer 35-jährig, Vater einer zweijährigen Tochter und in seinem letzten Jahr als Snowboard-Profi. Von Montag bis Freitag arbeitet er als Data Scientist und Software Developer bei Meteo Schweiz. Seine Modelle stecken hinter den Wettervorhersagen, die täglich von Millionen Menschen in der Schweiz auf der App und der Webseite von Meteo Schweiz abgerufen werden.
Schaer arbeitet im Hintergrund. Doch ihm ist bewusst: «Meine Arbeit beeinflusst das Leben von Millionen von Menschen.» Auch er selbst war damals, beim Filmen in den Bergen, auf Wetterdaten angewiesen. Für gute Rides mussten die Schneebedingungen passen, für gute Bilder brauchte es Sonne.
Vom Schnee an die Uni
Noch heute zieht es Schaer jedes Wochenende in die Berge – doch seit dem Höhepunkt seiner Karriere hat sich etwas schleichend verändert.
Schaer suchte eine intellektuelle Herausforderung abseits der Action im Schnee. Sein Bruder lieh ihm Bücher aus, unter anderem des Philosophen und Bauern Pierre Rabhi (1938 bis 2021). Schaer begann, sich für ein simples Leben im besseren Einklang mit der Natur zu interessieren.
Er begleitete seinen Bruder, einen Geografen, zu Konferenzen, diskutierte stundenlang mit ihm und begann schon bald selbst Umweltwissenschaften zu studieren.
Umweltbewusst Snowboarden
Dem Snowboarden ist Schaer treu geblieben. Doch die Jahre an der Uni haben auch dieses beeinflusst. Zweimal schaffte er es auf das Cover des Schweizer Snowboard-Magazins Whiteout – 2011 und 2019. «Die Cover sehen ähnlich aus», sagt Schaer in einem Vortrag an der ETH Lausanne (EPFL). «Doch der grosse Unterschied liegt darin, wie es zu den Bildern gekommen ist.»
Für den Sprung von 2011 flog er in die kanadischen Rocky Mountains, mietete einen SUV und ein Schneemobil, um auf den Berg zu kommen. «Das macht ungefähr 3 Tonnen CO₂», rechnet er auf der Bühne vor. 2019 waren es noch 0,008 Tonnen. Schaer blieb in der Schweiz, fuhr mit Zug und Bus an und wanderte mit seinem Splitboard den Berg hoch.
«Das zeigt, dass man praktisch dasselbe Ergebnis erzielen kann, aber mit einem viel kleineren Einfluss auf die Umwelt», schliesst er ab.
Über 1 Million YouTube-Aufrufe
Diese Botschaft des bewussten Umgangs mit der Umwelt propagiert Schaer nicht nur unter Wissenschaftlern, sondern auch in der breiten Masse. Der Film «Shelter» (2019), ein Snowboarder-Plädoyer für mehr Nachhaltigkeit und ein bewussteres Leben, wurde auf YouTube schon über 1 Million Mal angesehen.
