Spitzbuben, Mailänderli, Vanillekipferl. Zum Jahreswechsel sind Guetzli überall – und mit ihnen der weltweit beliebteste Geruch: Vanille.
Was beim Geniessen des Geruchs den wenigsten bewusst ist: Die Pflanze, die ihn ursprünglich produziert, ist vom Aussterben bedroht. Die Gewürzvanille sowie mindestens acht weitere Vanillearten stehen auf der Roten Liste der gefährdeten Arten. Sie reihen sich damit in einen gefährlichen Trend ein, denn fast jede zweite Pflanzenart ist inzwischen vom Aussterben bedroht.
«Das grösste Aussterberisiko besteht momentan für die wilden Verwandten unserer Nutzpflanzen», erklärte Biologin Dr. Bárbara Goettsch dem britischen «Guardian» – Nutzpflanzen wie Avocado, Baumwolle oder eben Vanille.
Sklavenjunge ermöglichte Bestäubung der Vanille
Vanille wird heute grösstenteils im ostafrikanischen Madagaskar angebaut – stammt ursprünglich aber aus den mexikanischen Tropen. In ihrer natürlichen Umgebung wurde die Pflanze ausschliesslich von einer bestimmten Bienenart bestäubt. Zur Verbreitung war sie also auf diese Bienenart angewiesen. Als die Kolonialmächte die Pflanze nach Europa, Afrika und Asien brachten, scheiterten sie daran, sie zu vermehren. Die mexikanische Bienenart fehlte.
Erst im Jahr 1841 entdeckte der junge Sklave Edmond Albius auf Bourbon, heute Réunion, die Methode der manuellen Bestäubung mit einem kleinen Stock oder einem Fingernagel – eine Methode, die heute noch in der kommerziellen Produktion auf Madagaskar angewendet wird.
Bienensterben gefährdet wilde Vanille
Warum also sind die wilden Verwandten heute gefährdet? Das Bienensterben verkleinerte auch die Bienenpopulation in Mexiko, und Abholzung sowie Klimawandel machen der Pflanze zusätzlich zu schaffen.
Crop Trust, eine Organisation, die sich darauf spezialisiert hat, Genbanken aller Pflanzen aufzubauen, erklärt derweil, dass die wilden Vanillearten eine wichtige Quelle für genetische Vielfalt sind. «Bislang sind jedoch über 60 wilde Vanilleverwandte in keiner Genbank konserviert», schreibt die Organisation.
Madagaskar: Vom Klimawandel bedroht
Doch nicht nur die wilde Vanille, auch die Nutzpflanzen selbst haben mit dem Klimawandel zu kämpfen: «Der Salzgehalt im Boden verändert sich, und die Nutzpflanzen können sich kaum darauf einstellen», so Biologin Dr. Bárbara Goettsch. «Die Temperaturen steigen, und durch den Klimawandel verändern sich auch Schädlinge und Krankheiten – das kann die angebauten Pflanzen stark beeinträchtigen.»
Das wichtigste Produktionsland, Madagaskar, gehört zu den Ländern, die am stärksten von den Folgen des Klimawandels betroffen sind. Zwischen 2000 und 2023 trafen 47 tropische Stürme und Zyklone die Insel vor der ostafrikanischen Küste. Die Vanilleanbau-Region Sava gehörte zu den am stärksten betroffenen Gebieten.
Eine Gefahr für die Vanilleplantagen
Der Vanilleanbau ist anspruchsvoll. Die Pflanze gedeiht am besten, wenn eine spezifische Kombination verschiedener Faktoren erfüllt ist: eine konstante Temperatur von 20 bis 30 Grad, hohe Luftfeuchtigkeit und wenig direkte Sonneneinstrahlung – zudem braucht sie gesunde und stabile Stützpflanzen.
Stürme können die Vanille- oder Stützpflanzen zerstören, und Klimaveränderungen, unregelmässige Niederschläge oder Dürren begünstigen Krankheiten.
Dasy Ibrahim von der Sustainable Vanilla Initiative weist im britischen «Independent» darauf hin, dass die Produzenten auf Madagaskar vor allem mit zwei Problemen zu kämpfen haben: Höhere Temperaturen und unregelmässigere Regenfälle lassen die Pflanzen verwelken, und die Blütezeit hat sich um zwei Monate nach vorne verschoben – sie beginnt nun bereits im September, anstatt wie zuvor im November.
Weniger Ernte, höhere Preise
«Dieses Blüteverhalten ist eine Reaktion auf den Stress durch hohe Temperaturen und anhaltend starke Passatwinde», erklärt Ibrahim. Das Problem dabei ist, dass die Vanilleschoten früher reifen. Jedoch erfüllen nur Schoten, die mindestens neun Monate lang ausgereift sind, die geforderten Qualitätskriterien. Ein grosser Teil der Ernte, so Ibrahim, kann nicht verwendet werden.
Der Klimawandel gefährdet also nicht nur die wilden Vanillepflanzen, sondern beeinflusst auch die Nutzpflanzen – und ist zu einem grossen Teil dafür verantwortlich, dass sich der Vanillepreis in den vergangenen Jahren verfünffacht hat.
