Gründer von Start-ups sprechen gern von Revolutionen und Visionen. Bei Alexander Sutter (32) klingt das anders. Fragt man den Mitgründer von Marko nach den wichtigsten Meilensteinen, die sein Onlinemarktplatz für Secondhandkleidung seit dem Launch Ende 2023 erreicht hat, zögert er. Er blickt zur Seite und sagt nach einem kurzen Einschub: «Wir haben einfach zusammen mit unserer Community Marko verbessert und sind gewachsen.»
Statt Revolutionen anzukündigen, lässt Sutter lieber Zahlen sprechen: Heute verbucht Marko – die Plattform, die er als eine Mischung aus Zalando und Tiktok beschreibt – in einer einzigen Woche so viele Transaktionen wie in den ersten acht Monaten nach dem Start. Über 500’000 Artikel werden von knapp 300’000 registrierten Nutzern angeboten. «Bald lösen wir Ricardo als grössten Schweizer Marktplatz für Secondhandkleidung ab», sagt Sutter.
Frankreich als Vorbild
Doch auch ohne Meilensteine gibt sich das inzwischen 17-köpfige Team um Sutter damit nicht zufrieden. «Die Schweiz hinkt dem Ausland in Sachen Secondhand hinterher», sagt dieser. Tatsächlich ist in Frankreich nicht Amazon oder Zalando der grösste Kleiderverkäufer, sondern eine Secondhandplattform: Vinted. «Ich sehe keinen Grund, warum Marko das in der Schweiz nicht auch erreichen kann.» Secondhand ergebe schlicht Sinn: Unikate zu günstigeren Preisen, und obendrein sei das Ganze auch noch umweltfreundlicher.
Laut den Vereinten Nationen ist die Modeindustrie der drittgrösste Verursacher von Plastikmüll und für bis zu acht Prozent der globalen Treibhausgasemissionen verantwortlich. In der Schweiz kaufen die Menschen rund 16 Kilogramm Kleidung pro Person und Jahr – mehr als doppelt so viel wie im europäischen Ausland. Besonders relevant: Etwa jedes vierte gekaufte Kleidungsstück wird nie getragen.
Secondhand für den Mainstream
Diese Statistiken kennen auch Alexander Sutter und Marko-Mitgründer Luca Mausberg. Während ihres Studiums in London faszinierte sie die dortige Secondhandszene, und nach ihrer Rückkehr in die Schweiz stellten sich die beiden die Frage: Wie lässt sich Secondhand in der Schweiz aus der Nische in den Mainstream bringen?
«Auch hier gibt es lokal sehr lebendige Secondhandszenen», sagt Sutter. «Aber die sind oft auf einzelne Quartiere beschränkt.» Secondhand sollte für alle zugänglich werden – nicht nur für Zürcher, Berner oder Genfer.
Eines war den beiden von Anfang an klar: «Superconvenient», angenehm, müsse es für Kunden und Verkäufer sein, sagt Sutter. Denn eine der grössten Hürden, die viele vom Secondhandkauf abschreckt, ist der damit verbundene Aufwand.
Vom Algorithmus kuratiert
Bei Marko zieht sich dieser Ansatz durch das gesamte Shoppingerlebnis: Wer nach einem Kleidungsstück sucht, kann wie bei Zalando nach Grösse, Marke und Farbe filtern. Folgt man bestimmten Verkäufern und likt Kleidungsstücke, lernt der Marko-Algorithmus mit und kuratiert Stücke, die dem Geschmack des jeweiligen Nutzers entsprechen.
«Den Jackpot knackst du, wenn du Leute findest, die deinen Style und deine Grösse haben», sagt Sutter. «Du wirst sofort informiert, wenn sie neue Drops haben.»
Hat man sich für einen Artikel entschieden und diesen via Twint oder Karte bezahlt, erhält der Verkäufer nach dem Nespresso-Prinzip eine ausgedruckte Versandetikette mit einer Lasche per A-Post zugeschickt. Das Kleidungsstück wird verpackt, die Etikette aufgeklebt und die Lasche hängt sichtbar aus dem Milchfach.
Sieht der Pöstler die Lasche, weiss er, dass das Paket abgeholt werden muss. Bei Marko heisst das «Easy Shipping». «Natürlich können Verkäufer ihre Pakete auch auf andere Arten verschicken, aber 80 Prozent aller Bestellungen laufen via ‹Easy Shipping›», ergänzt Sutter.
Absolutes Rückgaberecht
Ebenfalls neu im Secondhandbereich: «Du hast ein absolutes Rückgaberecht», sagt Sutter. «Egal, was du kaufst, du kannst es zurückschicken.» Ein solches Rückgaberecht per Paketversand erinnert an Zalando. Dort wird etwa die Hälfte der bestellten Produkte retourniert. Das verursacht einen jährlichen Umweltfussabdruck, der in etwa jenem von 5000 Personen in der Schweiz entspricht.
Doch Sutter beruhigt: «Bei uns liegt die Retourenrate unter einem Prozent. Retouren und Versand sind nicht gratis.» Ein Versand mit Postlasche kostet 9 Franken, genauso viel, wie wenn man das Paket am Postschalter abgibt. Für die Retouren sind Käufer selbst zuständig.
Abgrenzung von Tutti und Ricardo
Marko vergleicht sich gern mit Features von Grossunternehmen wie Zalando oder Tiktok – vermutlich auch, um sich von Tutti und Ricardo abzugrenzen. Es mache Secondhandshopping so sicher und einfach wie den Neuwarenkauf und so unterhaltsam und personalisiert wie Social Media. Trotzdem sagt Sutter: «Ich möchte nicht, dass alle Secondhandkleidung auf Marko landet.» Secondhand lebe davon, dass es verschiedene Angebote gebe: Pop-up-Store, fester Laden, Flohmarkt.
Er selbst zieht am Wochenende gern durch Zürichs Secondhandläden und glaubt, dass es vielen in seinem Alter, insbesondere der Generation Z, so gehe. Generation Z. Immer wieder fällt dieser Begriff im Gespräch mit ihm. Sutter weiss: Keine andere Generation hat so viel Secondhand im Kleiderschrank.
Irgendwann wird auch die Generation Z älter – und Marko, so hofft Sutter, mit ihr.