Igel tragen dazu bei, das natürliche Gleichgewicht unseres Ökosystems zu erhalten. Doch der Lebensraum der stacheligen Säugetiere schwindet zunehmend. Seit 2024 ist der Igel in der Schweiz als potenziell gefährdet eingestuft. Annekäthi Frei, Tierärztin und Co-Geschäftsleiterin des Igelzentrums in Zürich, gibt Praxistipps zum Igelschutz.
Der Igel ist in der Schweiz zunehmend bedroht. Was sind derzeit die grössten Gefahren für Igel in der Schweiz?
Die grösste Gefahr ist nach wie vor der Strassenverkehr, auch wenn die Zahl der überfahrenen Igel in den letzten Jahren gefühlsmässig leicht abgenommen hat. Im Igelzentrum sehen wir zudem häufig Tiere, die durch Gartenwerkzeuge und -maschinen verletzt wurden. Neben diesen unmittelbaren Gefahren stellen vor allem der Verlust von Lebensräumen sowie der durch den Klimawandel verursachte Insektenmangel – die Hauptnahrungsquelle der Igel – eine zunehmende Bedrohung dar.
Wie erkennt man einen Igel in Not?
Ist ein Igel stark abgemagert, ist seine Körperform länglich schmal, die Flanken eingefallen und der Kopf spitz zulaufend und vom Körper abgesetzt. Zudem können seine Augen dann eingefallen sein, statt wie üblich kugelig und hervorstehend. Oft leiden Igel an Atemwegserkrankungen, was sich durch anhaltenden Husten und Atembeschwerden bemerkbar machen kann. Auch Durchfall deutet darauf hin, dass es dem Tier nicht gut geht. Gesunde Igel setzen normalerweise feste, wurstförmige Kotballen ab. Ist der Kot jedoch flüssig, spricht dies in erster Linie für eine Erkrankung des Verdauungstraktes.
Wird ein Igel wiederholt tagsüber beobachtet, ist dies ebenfalls ein Warnsignal. Zwar kann es vorkommen, dass ein Igel aufgrund von Störungen an seinem Schlafplatz ausnahmsweise auch mal tagsüber unterwegs ist. Taucht er jedoch regelmässig am Tag auf, sollte er genauer beobachtet werden, da dies ein Hinweis darauf sein kann, dass er Hilfe benötigt. Befinden sich Fliegen am oder um den Igel, handelt es sich um einen Notfall. In diesem Fall sollte umgehend eine Igelstation oder eine Tierarztpraxis kontaktiert werden.
Was wünschen Sie sich, das mehr Menschen über Igel wüssten?
Dass Igel Wildtiere und keine Haustiere sind. Aufgrund ihres Jöö-Effekts scheint dies manchmal vergessen zu gehen. Deshalb sollten sie zum Beispiel auch nicht aus falsch verstandener Tierliebe dauerhaft gefüttert werden.
Gibt es denn Umstände, unter denen man Igel füttern darf?
Wer im Spätherbst magere Jungtiere beobachtet, kann ihnen Futter bereitstellen. Wenn spät geborene Jungigel vor dem Winterschlaf weniger als 500 Gramm wiegen, sind ihre Überlebenschancen reduziert. Für die Zufütterung dieser Tiere bis auf 500 bis 600 Gramm eignet sich Katzenfutter mit einem Fleischanteil von mindestens 60 bis 70 Prozent, da Igel pflanzliche Nahrung nicht verwerten können. Noch besser geeignet sind Insekten wie Fliegenlarven oder Heimchen oder eine kleine Menge Mehlwürmer. Frisches Wasser in flachen Schälchen sollte in einem igelfreundlichen Garten ganzjährig respektive so lange, wie noch aktive Igel angetroffen werden, verfügbar sein.
Auf der Website des Igelzentrums ist zusammengefasst, warum Dauerfütterung nicht sinnvoll ist und was es beim Füttern von Igeln zu beachten gilt.
Wie lassen sich Gärten abgesehen von Wasserquellen igelfreundlich gestalten?
Grundsätzlich sind sehr gepflegte Gärten oft ungeeignet für Igel. Diese Gärten bieten kaum Nahrung und nur wenige Versteckmöglichkeiten, da beispielsweise Laub und Asthaufen fehlen. Diese Verstecke sind für Igel aber überlebenswichtig. Wichtig ist auch, auf einheimische Hecken und Sträucher zu setzen, die Insekten anlocken und damit eine wichtige Nahrungsgrundlage für Igel schaffen und ihm gleichzeitig Deckung bieten. Wer einen Pool oder einen Teich mit steilen Wänden hat, sollte diesen nachts abdecken oder eine Ausstiegshilfe, etwa eine Katzentreppe, anbringen. Zwar können Igel schwimmen, jedoch nicht zeitlich unbegrenzt. Deshalb benötigen sie eine einfache Möglichkeit, das Wasser wieder zu verlassen.
In welchen Jahreszeiten haben Sie im Igelzentrum am meisten zu tun – und warum?
Während der Haupt-Paarungszeit im Frühling und Frühsommer nehmen Igelmännchen auf der Suche nach einer Partnerin oft grosse Risiken in Kauf. Deshalb werden im April und Mai des Öfteren verletzte Männchen ins Igelzentrum gebracht. Der Sommer ist hingegen besonders putzintensiv, da Jungtiere, die ihre Mutter verloren haben und von Hand aufgezogen wurden, in dieser Zeit bei uns auf feste Nahrung umgestellt werden. Im Herbst läuft im Igelzentrum regelmässig das Telefon heiss, weil Menschen unterernährte Jungtiere finden und Rat suchen.
An welche Patientengeschichte denken Sie besonders gerne zurück?
Eine Erinnerung bringt mich immer wieder zum Schmunzeln: Es wurde ein Igel ins Igelzentrum gebracht, der taumelte, zur Seite kippte und sich kaum auf den Beinen halten konnte. Er wurde mittels Infusion mit Flüssigkeit versorgt, aber ich hatte wenig Hoffnung, dass er die Nacht überstehen würde. Umso grösser war die Überraschung, als es ihm am nächsten Morgen wieder bestens ging. Am gleichen Tag meldete sich der Finder bei uns und berichtete, dass der Igel bei ihm auf dem Sitzplatz von in Schnaps eingelegten Kirschen genascht hatte. Igel sind keine Pflanzenfresser, aber sie mögen Süsses und wissen anscheinend auch nicht immer, was ihnen guttut! Damit war die Ursache für seinen Zustand schnell geklärt: Der Igel war schlicht betrunken gewesen und hatte die Nacht bei uns zum Ausnüchtern verbracht.
Gibt es Igelfakten, die viele Menschen überraschen?
Anders als in vielen Kinderbüchern dargestellt, leben Igel nicht im Wald. Da die ursprünglichen Igelgebiete wie Brachlandschaften in der Schweiz nur noch selten anzutreffen sind, leben die Igel hauptsächlich in Gärten und Parks. Wer einen Igel im Garten findet, sollte ihn also nicht in den Wald bringen. Überraschend für viele ist auch, dass man Igel nicht einfach ins Haus nehmen darf. Dies ist nur nach Rücksprache mit einer Igelfachstelle erlaubt – und selbst dann in der Regel lediglich zur Beobachtung für maximal zwei Nächte, wenn die Igelstation zusätzliche Informationen über das Tier benötigt oder gerade nicht erreichbar ist.